Was die Natur im Herbst uns zeigt, hat zwei Gesichter, und genau das macht diese Jahreszeit für mich so besonders. Da ist die goldene Seite: Bäume in Rot, Gold und Kupfer, die letzten Früchte im Garten, die Luft noch warm genug für einen Spaziergang ohne Jacke. Und da ist die andere Seite, die wildere, rauere: Sturm und Regen, Nebel zwischen den Bäumen wie nicht von dieser Welt, das erste Laub, das schon zu braunem Matsch am Boden wird. Für mich gehören beide Seiten einfach zusammen: die Fülle und das Vergehen, gleichzeitig, nebeneinander. Findest du nicht auch, dass genau das den Herbst so besonders macht?

Darum geht es in diesem Artikel:

  • Wann der Herbst tatsächlich beginnt – und warum das nicht an einem Datum hängt
  • Was Bäume, Stauden und Samen jetzt wirklich tun, bevor sie sich zurückziehen
  • Wie sich das alles auf dein eigenes Rückzugsbedürfnis übertragen lässt
  • Was der Herbst im alten Brauchtum bedeutet hat
  • Was du jetzt noch draußen sammeln kannst
  • Eine kleine Übung für einen Herbstspaziergang

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich liebe den Herbst. Wenn die Blätter leuchten, bevor sie von den Bäumen fallen – sattes Gold, glühendes Rot, tiefes Orange, dazwischen noch das letzte kräftige Grün – und die tiefstehende Sonne so hindurchbricht, dass der ganze Wald für einen Moment brennt, dann ist das einfach überwältigend schön. Es ist noch einmal ein letztes Aufbäumen der Natur, bevor sie sich zurückzieht.

Doch geh an einem dieser kühleren Morgen mal bewusst durch den Garten oder den Wald, und du spürst die andere Seite genauso deutlich: Der Boden ist aufgeweicht und schmatzt unter deinen Schuhen, die Äste sind schon kahl und grau, wo vor kurzem noch Laub hing, und aus der Hecke sind die Vögel fast verschwunden, nur vereinzelt schreit irgendwo eine Krähe in der Stille, die von Nebel überzogen ist. Es riecht nach nassem Holz, nach allem, was gerade zerfällt. Kein Farbenmeer mehr, sondern Matsch, Kälte und Stille. Der Herbst zeigt dir beides, im selben Atemzug: das letzte große Fest und den nackten Anfang vom Ende.

Der Herbst beginnt, wenn die Natur es zeigt

Der Herbst beginnt nicht an einem festen Datum. Offiziell startet er meteorologisch am 1. September oder astronomisch mit der Tagundnachtgleiche am 21. September, aber ehrlich gesagt haben sich für mich die Jahreszeiten ohnehin verschoben – meine persönliche Definition von Herbst reicht von August bis Oktober.

Am natürlichsten ist aber sicher der phänologische Kalender, weil er sich nicht nach Zahlen richtet, sondern nach dem, was die Pflanzen gerade tatsächlich tun: wann sie blühen, Früchte tragen, ihre Blätter verfärben oder abwerfen. Beobachtet wird das seit Jahrzehnten vom Deutschen Wetterdienst an bestimmten Zeigerpflanzen. Nach diesem Kalender beginnt der frühe Herbst, sobald die Früchte des Schwarzen Holunders reif sind – meist Mitte bis Ende August. Der Vollherbst setzt mit den ersten reifen Eicheln der Stiel-Eiche ein, der Spätherbst beginnt, wenn sich dann ihr Laub herbstlich verfärbt. Erst mit dem Blattfall der Eiche startet schließlich der phänologische Winter. Wenn du bewusst durch den Wald gehst, merkst du das auch selbst: Der Herbst kündigt sich langsam, aber deutlich an, fernab jedes Kalenderblatts.

PhaseLeitphase weitere Zeigerpflanzen
FrühherbstSchwarzer Holunder (Früchte)Kornelkirsche (Früchte); Herbstzeitlose (Blüte)
VollherbstStiel-Eiche (Früchte)Rosskastanie (Früchte); Walnuss, Quitte; allgemeine Laubverfärbung
SpätherbstStiel-Eiche (Blattverfärbung)Eberesche (Blattfall); Rosskastanie (Blattfall)

Woher kommt das Wort Herbst?

Immer wieder höre ich von Menschen, die sagen: Wir haben doch gar keinen richtigen Frühling oder Herbst mehr. Es geht alles so schnell, kaum ist es kalt, wird es plötzlich warm, und kaum gewöhnst du dich an die Wärme, ist es wieder kalt. Vielleicht zeigt genau das, dass diese exakte Einteilung in vier gleich lange Jahreszeiten ohnehin ein ziemlich menschengemachtes Konstrukt ist – eines, das der Natur selbst gar nicht immer entspricht.

In vielen vorchristlichen Traditionen war das Jahr auch gar nicht so selbstverständlich in vier gleich große Jahreszeiten geteilt wie heute. Wichtiger war meist der Wechsel zwischen der hellen und der dunklen Jahreshälfte – bei den Kelten zum Beispiel begann die helle Hälfte mit Beltane im Mai und endete mit Samhain Anfang November, das den Winter einläutete. Auch der römische Schriftsteller Tacitus beschreibt das für die Germanen: Winter, Frühling und Sommer hätten Namen und einen klaren Sinn gehabt, schrieb er, doch der Herbst und das Gute, das er mit sich brachte, seien ihnen ebenso unbekannt gewesen wie sein Name. Frühling und Herbst als eigene Jahreszeiten kamen erst später dazu, vermutlich unter römischem Einfluss.

Erst mit dem Obst- und Weinbau, also mit dem Ackerbau, brauchte man überhaupt eine eigene Erntezeit – und einen Namen dafür. Das englische harvest, Ernte, ist genau daraus entstanden, und mit ihm auch unser Wort „Herbst“.

Wenn die Natur den Rückwärtsgang einlegt

Zwei Signale steuern das, was gerade draußen passiert: die kürzer werdenden Tage und die sinkenden Temperaturen. Beides zusammen löst in der Pflanze einen Prozess aus, der auf den ersten Blick nach Rückzug aussieht, in Wahrheit aber ein sehr konkretes Problem löst – Wasser. Im Winter ist der Boden oft gefroren, die Wurzeln kommen kaum noch an Feuchtigkeit heran. Blätter dagegen verdunsten ständig, Tag für Tag, egal wie kalt es ist. Ein Baum, der jetzt noch alle Blätter trägt, würde im Winter buchstäblich vertrocknen. Der Laubfall ist also in erster Linie eine sehr pragmatische Wassersparmaßnahme, keine ästhetische Entscheidung.

Für mich ist das genau der rote Faden durch den ganzen Herbst: Verlangsamung ist kein Stillstand. Sie ist die naturwissenschaftliche Übersetzung von „nach innen gehen“ – ein Vorgang, der ebenso viel Energie kostet wie jede sichtbare Bewegung, nur nach innen statt nach außen gerichtet.

Wenn der Herbst nach Regen und Erde riecht

Wasser ist das Element des Herbstes und du findest es gerade überall. Vielleicht als starken Herbstregen, der gegen die Fenster klatscht, als Tau, der morgens auf den Wiesen liegt und der durch die ersten Sonnenstrahlen glitzert, als Nebel, der sich in die Täler legt und manchmal den ganzen Vormittag nicht weichen will, als feuchte Erde, die unter deinen Schuhen nachgibt. Gerade auch der Nebel hat in vielen alten Überlieferungen eine besondere Bedeutung: Er gilt als der Schleier, der sich zwischen unsere Welt und die Anderswelt legt und der jetzt, mit dem nahenden Winter, dünner wird. Du musst nichts Bestimmtes damit tun. Aber wenn du das nächste Mal durch so einen nebligen Morgen gehst und die Konturen der Bäume nur noch schemenhaft erkennst, darfst du wissen, dass du gerade durch eine Zeit gehst, die seit jeher als besonders empfunden wurde – ein bisschen mystisch, ein bisschen geheimnisvoll und irgendwie unbeschreiblich.

natur im herbst ein baum mit  bunten blättern die zu boden fallen im hintergrund sonne und nebel (KI-generiertes Bild)

Was Blatt, Wurzel und Samen jetzt tun

Wenn die Blätter sich verfärben

Genau dieses Farbenspiel steckt nicht zufällig in den Blättern. Dahinter steckt einer der cleversten Vorgänge, die die Natur zu bieten hat. Bevor ein Baum ein Blatt fallen lässt, holt er sich vorher, was ihm wertvoll ist: wichtige Nährstoffe aus dem Blattgrün, die er sich nur mühsam aus dem Boden beschaffen kann. Er zieht sie zurück in Stamm und Wurzeln, wo sie als Vorrat für die Knospen im nächsten Frühling warten. Was jetzt an Farbe sichtbar wird, war übrigens die ganze Zeit schon da: Die gelben und orangen Töne steckten schon immer im Blatt, nur vom kräftigeren Grün überdeckt. Die roten und violetten Töne dagegen bildet die Pflanze oft extra neu, sie wirken wie ein Sonnenschutz für das Blatt, genau in der Phase, in der es am empfindlichsten ist. Erst wenn das Blatt komplett geleert ist, löst sich am Stiel eine unsichtbare Sollbruchstelle, bis das Blatt nur noch lose hängt und durch sein eigenes Gewicht zu Boden fällt. Erst die Absicherung, dann das Loslassen.

Es gibt übrigens noch eine Theorie, die ich spannend finde: Ein britischer Biologe vermutete, dass rote Blätter eine Art Stoppschild für Schädlinge sein könnten, ein Signal an Blattläuse, sich lieber einen anderen Baum für ihre Eier zu suchen. Tatsächlich meiden manche „Schädlinge“ Bäume mit besonders intensiv rot gefärbten Blättern. Belegt ist das nicht abschließend, der Sonnenschutz gilt als die wahrscheinlichere Erklärung, aber die Vorstellung von einem roten Warnsignal mitten im Wald finde ich trotzdem schön.

Unter der Erde geht das Leben weiter

Während oben alles verstummt und vermeintlich tot wirkt, geht unter der Erde die eigentliche Arbeit weiter. Stauden wie Beinwell oder Baldrian ziehen ihre Kraft zurück in die Wurzel, andere lagern sie in kleinen Knollen oder Zwiebeln, geschützt vor dem ersten Frost, bereit für den ersten warmen Tag im Frühjahr. Manche Pflanzen bilden sogar eine Art natürliches Frostschutzmittel, damit ihre Zellen gar nicht erst einfrieren. Von außen siehst du nur stille, dunkle Erde. Doch genau dort, im Verborgenen, passiert das Gegenteil von Sterben.

Nichts, was jetzt fällt, bleibt, wie es war. Das Laub am Boden wird weich, dunkel und brüchig, verliert seine Form vollständig – und wird genau dadurch zu Hummus und Erde, aus der im nächsten Jahr wieder etwas wächst. Es stirbt nicht einfach weg, es wechselt nur die Form, in der es weiterlebt. Nichts daran ist sauber oder besonders hübsch anzusehen, und trotzdem gehört gerade dieser Verfall so unmittelbar zum Kreislauf wie die schöne Knospe, die im Frühling aufbricht.

Vielleicht ist das auch für uns Menschen ein kleiner Trost: Wir wissen nicht genau, was nach dem Sterben kommt. Aber wenn selbst ein vergehendes Blatt am Ende neues Leben nährt, muss dieses Nicht-Wissen ja nicht automatisch etwas Beängstigendes sein, oder?

Die kleinste Form von Zukunft

Einjährige Pflanzen sterben im Herbst tatsächlich vollständig ab – keine Wurzel, keine Knolle bleibt übrig, die den Winter übersteht. Ihre einzige Zukunft steckt im Samen, den sie vorher gebildet haben: ausgereift, trocken, oft jahrelang lagerfähig, bereit zu warten, bis Licht und Wärme wieder stimmen. So klein und unscheinbar er aussieht, so viel trägt er in sich. Denn alles, was einmal groß und kräftig war, ist einst aus so einem kleinen Samen im Schoß von Mutter Erde gewachsen. Genau darum geht es jetzt im Herbst: geborgen in diesem Schoß auszuruhen, Kraft zu sammeln, um den Winter zu überstehen – und im Frühling mit neuer Kraft wieder aufzubrechen.

Weißt du, wenn ich mir die Natur und vor allem die Pflanzen so anschaue, dann ist es zwar ganz menschlich, dass Traurigkeit und vielleicht auch ein bisschen Angst vor der Dunkelheit jetzt präsenter sind als im Sommer. Doch genauso tröstlich finde ich, dass unter der Erde weitergeht, was oben gerade endet – dass nichts wirklich verschwindet, sondern nur die Form wechselt: Kraft, die zurück in die Wurzel wandert, ein Leben, das sich in einen Samen verpackt, ein Blatt, das zu Erde wird und im nächsten Jahr etwas anderem Nahrung gibt. Vielleicht ist genau das die stille Einladung des Herbstes: nicht alles, was sich zurückzieht, vorschnell für verloren zu halten – weder draußen in der Natur noch im eigenen Leben.

Der Herbst als zweiter Frühling

Ist dir mal aufgefallen: Nach einem heißen, trockenen Sommer, in dem vieles auf den Wiesen und am Wegrand vertrocknet und braun geworden ist, zaubert der erste Herbstregen noch einmal frisches Grün hervor. Löwenzahn, Giersch, Vogelmiere, Gundermann, Spitzwegerich und einige weitere Wildkräuter treiben jetzt oft ein zweites Mal aus und liefern uns so nochmal eine gesunde Vielfalt an Vitaminen und Mineralstoffen, mit denen wir uns auftanken können, um gut durch die kalte, nasse Jahreszeit zu kommen.

Und auf eine gewisse Art und Weise ist das auch beruhigend, denn es zeigt: Leben und Vergehen geschehen nebeneinander, und keins von beidem ist weniger wert als das andere. Der Kreislauf der Natur steht nie still, und genau das erinnert dich daran, dass auch in dir gerade nicht nur eine Richtung gelten muss – dass du wachsen und loslassen kannst, im selben Atemzug, ohne dich zwischen beidem entscheiden zu müssen.

Die letzte Fülle des Jahres, was du jetzt noch sammeln kannst

Bevor der Herbst endgültig seine nass-kalte Seite zeigt, schenkt er uns jetzt noch einmal wundervolle, nahrhafte Gaben. Die Hecken hängen voller Früchte, Nüsse fallen ins Gras, Kürbisse liegen schwer auf den Beeten, und in den Gärten werden letzte Beeren, Gemüse und Pflanzen geernte um sie dann einzulagern, einzukochen oder zu trocknen. Heilkräuter soll man übrigens nur bis Mitte September, dann verlieren sie ihre Heilkraft. Es ist die letzte große Bewegung nach außen: Alles, was über den Sommer gewachsen ist, wird sichtbar, gesammelt und für später bewahrt.

Diese Fülle ist nicht selbstverständlich. Sie ist das Ergebnis von Licht, Regen, Blüte, Bestäubung und unzähligen kleinen Vorgängen, die wir im Alltag kaum wahrnehmen. Vielleicht gehört deshalb auch Dankbarkeit so unmittelbar zum Herbst: nicht nur, weil etwas endet, sondern weil vorher so viel entstanden ist.

Der Herbst lädt dich ein, jetzt Vorräte anzulegen – ganz so, wie es dir die Tiere gerade vormachen:

  • Nüsse wie Walnüsse und Haselnüsse, die jetzt von den Bäumen fallen
  • Esskastanien, also Maronen, die du im Ofen rösten oder zu Suppe verarbeiten kannst – wichtig: die stacheligen, essbaren Maronen wachsen an der Esskastanie, nicht zu verwechseln mit den glatten, ungenießbaren Rosskastanien vom Kastanienbaum, die sich dafür wunderbar zum Basteln eignen
  • Kürbisse und Kartoffeln aus dem eigenen Garten oder vom Feld, die sich lange lagern lassen
  • Weißdornbeeren und Schlehen, die nach dem ersten Frost milder und aromatischer schmecken
  • Hagebutten, jetzt in ihrer besten Reife
  • Brennnesselsamen, die sich direkt von der Pflanze streifen lassen
  • letzte Heilpflanzen wie Goldrute oder Wegwarte für Tee, Tinktur, zum Räuchern
  • die letzten Räucherkräuter wie Beifuß oder Schafgarbe am Wegrand, oder Salbei und Lavendel aus dem Garten
  • Wurzeln von Beinwell oder Baldrian, weil die Pflanze ihre Kraft schon nach unten gezogen hat
  • Rosskastanien, Eicheln und bunte Blätter zum Basteln oder für den herbstlichen Altar
natur im herbst was du jetzt sammeln kannst kastanien kürbisse nüsse kartoffeln kräuter liege in der sonne auf einem holztisch (KI-generiertes Bild)

Der Herbst im alten Brauchtum – zwischen Erntedank und Anderswelt

In der alten Überlieferung hatte der Herbst zwei Gesichter. Die erste, goldene Phase war die Erntezeit – geschäftig, gemeinschaftlich, ziemlich pragmatisch, denn von ihrem Gelingen hing ab, ob eine Familie gut durch den Winter kam. Erst wenn die Vorräte im Haus waren, kehrte Besinnung ein, und der Spätherbst wurde zur Zeit des Rückzugs, der Geistergeschichten und des Totengedenkens. Erntedank zählt zu den ältesten Festen der Menschheit überhaupt und wurde weltweit gefeiert. In der Antike weihte man die ersten und schönsten Früchte gerne einer Erdgöttin – bei den Griechen Demeter, bei den Römern Ceres, im alten Ägypten Osiris – als Dank und zugleich als leise Bitte um Fruchtbarkeit im nächsten Jahr.

Wenn ich ehrlich bin, berührt mich dieser alte Erntedank-Gedanke bis heute. Bevor es Supermärkte gab, die das ganze Jahr über alles bereithalten, war es überhaupt nicht selbstverständlich, gut durch den Winter zu kommen. Diese Dankbarkeit, dieses bewusste Innehalten für das, was gewachsen ist, finde ich heute fast noch wichtiger als früher. Früher zwang einen die nackte Not dazu, aufmerksam mit der Ernte umzugehen. Heute dankt fast niemand mehr der Natur dafür, dass sie uns Nahrung und damit Überleben schenkt.

Vielleicht ist das dein kleines Ritual für diesen Herbst: kurz stehen bleiben und dir bewusst machen, was dieses Jahr für dich eingebracht hat, ganz gleich ob das ein Erfolg im Job war, eine Freundschaft, die gewachsen ist, oder einfach, dass du gesund durchs Jahr gekommen bist.

Der Herbst war also schon immer eine Schwellenzeit: zwischen Fülle und Rückzug, zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen dem, was war, und dem, was noch kommt. Und genau an dieser Schwelle stehen wir gerade wieder, denn kaum ist die Erntezeit vorbei, öffnet sich schon das nächste Tor: Samhain, der Beginn der dunklen Jahreshälfte, in der genau dieser Nebel, von dem eben schon die Rede war, noch dichter wird und die Schleier zur Anderswelt endgültig dünn werden. Wie du deinen eigenen Ahnenaltar gestalten kannst, findest du hier: Ahnenaltar gestalten – eine Anleitung für deinen eigenen Samhain Altar. Und wenn dich interessiert, was an diesem Abend, der den Verstorbenen gewidmet ist, wirklich passiert, dann schau mal in meinem Beitrag Samhain oder Halloween – was in dieser geheimnisvollen Nacht wirklich passiert vorbei.

Was wir uns vom Herbst abgucken können

Die kommende Zeit lädt uns ein, langsamer zu werden, raus aus dem „getrieben sein“ Modus zu kommen und uns bewusst auf die dunkle Jahrszeit vorzubereiten. Vielen Menschen macht diese Zeit Angst, doch wenn wir uns ein Beispiel an der Natur nehmen, wirst du sehen, wie schön der goldene Herbst sein kann. Hier sind ein paar Inspirationen, was wir vom Herbst lernen können:

  • Die Energie in der Natur zieht sich zurück in die Erde – wir dürfen uns gemütlich aufs Sofa zurückziehen.
  • Der Wald wird stiller, je kürzer die Tage werden – wir dürfen auch bei uns zuhause mal bewusst Stille zulassen, ganz ohne Hintergrundgeräusche.
  • Die Natur zieht sich in die langen Nächte zurück – wir dürfen früher ins Bett und mal richtig ausschlafen.
  • Draußen trommelt der Regen gegen die Fenster – drinnen ist das genau der Moment für ein Buch, eine Wärmflasche und nichts weiter.
  • Die Luft wird klarer und kühler – wir dürfen tief durchatmen und den Kopf wieder freibekommen.
  • Tiere legen sich jetzt ein wärmeres, dichteres Fell zu – wir holen dafür die dicken Wollsocken, den Lieblingspulli und die Kuscheldecke wieder aus dem Schrank.
  • Tiere fressen sich jetzt ihre Winterreserven an – wir dürfen uns einen heißen Kakao mit Sahne gönnen, einfach weil uns danach ist.
  • Vögel schließen sich jetzt zu Schwärmen zusammen um gen Süden zu ziehen, weil sie allein nicht über den Winter kommen würden – wir dürfen uns jetzt mit Menschen umgeben, die uns wirklich guttun.
  • Das Licht wird weicher und goldener – wir dürfen auch das Licht zuhause wärmer machen, mit Kerzen statt greller Deckenlampen.
  • Der erste Frost macht Grünkohl, Schlehen und Rosenkohl sogar noch süßer im Geschmack – wir dürfen Ideen und Projekte auch mal reifen lassen, denn manches wird besser, wenn wir es einfach eine Weile in Ruhe lassen.

10 herbstliche Mini-Alltags-Rituale für Fülle und Rückzug

  • Koch dir einen Tee aus dem, was du im Sommer gesammelt hast
  • Gönne dir einen Zwiebelkuchen mit einem guten Glas frischen Most
  • Back etwas mit dem, was der Herbst gerade hergibt – Kürbis, Nüsse, Äpfel
  • Zünde abends bewusst eine Kerze an, wenn es früher dunkel wird (wie daraus ein kleines Feuerritual für die Samhain-Nacht wird, steht in Samhain Rituale: 7 Wege jenseits von Ahnengedenken und Loslassen)
    Miste einen Schrank oder eine Schublade aus
  • Geh an einem nebligen Morgen bewusst spazieren
  • Pflege den einen Kontakt, der dir wirklich guttut, statt zehn oberflächliche
  • Räuchere dein Zuhause einmal bewusst durch (wie der Einstieg gelingt, steht in Räuchern für Anfänger – mit Kräutern und Harzen)
  • Schreib dir auf, wofür du dieses Jahr dankbar bist
  • Richte dir einen kleinen Erinnerungs- oder Ahnenplatz ein

Eine kleine Herbstübung für unterwegs

Du brauchst dafür nicht mehr als fünfzehn Minuten und einen Weg mit Laubbäumen, ein Waldstück reicht, ein Park tut es auch, ohne festes Ziel und ohne Uhrzeit im Nacken. Am besten gehst du los, wenn beide Gesichter des Herbstes gerade zu sehen sind: das bunte Laub, das noch leuchtet, und der Boden darunter, der schon nach Erde und Verfall riecht. Bleib kurz am Wegrand stehen, spüre den Boden unter den Füßen, atme dreimal bewusst aus. Dann schau dich um und stell dir drei Fragen: Was verändert sich gerade – an Farben, Licht, Geräuschen? Was zieht sich zurück, wird leiser, verschwindet aus dem Blickfeld? Und was bleibt als Vorrat sichtbar – Früchte, Samen, geschlossene Knospen? Mehr braucht es nicht. Nur dass du wirklich hinschaust, statt nebenbei durch den Wald zu laufen.

Nimm dir, wenn du magst, ein paar Dinge mit nach Hause – ein besonders schönes Blatt, eine Hagebutte, ein paar Kastanien, vielleicht ein Büschel Beifuß oder Schafgarbe, das du am Wegrand findest. Aus manchen dieser kleinen Funde lässt sich abends noch etwas machen: Getrocknete Kräuter und Harze eignen sich wunderbar zum Räuchern, wenn du den Tag bewusst ausklingen lassen willst. Wenn du tiefer einsteigen und deine eigenen Räuchermischungen und -techniken entwickeln und 88 Räucherkräuter kennenlernen willst, zeige ich dir das Schritt für Schritt in meinem Räucherkurs „Räucherpfade“. Und Hagebutten oder andere reife Früchte, die du unterwegs sammelst, kannst du zuhause zu einem Oxymel verarbeiten, jenem alten Sauerhonig, der dich gut durch die kommende, kältere Jahreszeit begleitet. Eine ausführliche Anleitung: Holunder Oxymel selber machen: „Deep Purple“ – kraftvolles Immun-Elixier für den Herbst.

Fazit – Beide Gesichter des Herbstes annehmen

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich freu mich richtig auf den Herbst. Auf die Spaziergänge im Sonnenschein, wenn ich mich nochmal mit dieser bunten Energie auftanken kann. Genauso auf die grauen, nebligen Morgen, an denen ich es mir drinnen gemütlich mache und langsam, mit einem guten Tee in der Hand, in den Tag starte. Und auf die stürmischen, verregneten Abende, wenn bald das erste Feuer im Kamin lodert. Es tut einfach gut, jetzt langsam und bewusst in diese stillere Zeit zu gehen, sich Pausen zu gönnen, sich auszuruhen und die Energie dieser Jahreszeit einfach anzunehmen, so wie sie gerade kommt.

Wenn du dir für diesen Herbst ganz konkrete Ideen wünschst, findest du in meiner naturverbundenen Herbst Bucketlist mit 55 Dingen vom Sammeln und Basteln über Wildkräuterküche bis zu kleinen Ritualen alles, was du dir für die kommenden Wochen vornehmen kannst.

Was liebst du am Herbst? Schreib es doch mal in die Kommentare.

Häufige Fragen zum Herbst

Bitte beachte und lese meinen Disclaimer.

Wann beginnt der Herbst?

Das kommt darauf an, welchen Kalender du meinst: Meteorologisch beginnt der Herbst am 1. September, astronomisch mit der Tagundnachtgleiche um den 22. oder 23. September. Im phänologischen Kalender beginnt der Frühherbst dagegen, wenn die Früchte des Schwarzen Holunders reif werden – meist etwa Mitte bis Ende August.

Warum verfärben sich die Blätter im Herbst?

Wenn die Tage kürzer und kühler werden, bauen viele Laubbäume das Chlorophyll in ihren Blättern ab und ziehen wertvolle Nährstoffe zurück in Stamm und Wurzeln. Dadurch treten gelbe und orange Farbstoffe hervor, die zuvor vom Blattgrün überdeckt wurden. Rote und violette Töne werden bei manchen Arten zusätzlich gebildet; sie können das Blatt in dieser Übergangsphase vor starker Sonneneinstrahlung schützen.

Warum werfen Bäume im Herbst ihre Blätter ab?

Blätter verdunsten fortlaufend Wasser. Im Winter kann ein Baum bei gefrorenem Boden jedoch nur wenig Wasser über die Wurzeln aufnehmen. Mit dem Laubfall verringert er deshalb den Wasserverlust und schützt sich vor dem Austrocknen.

Was kann man im Herbst noch sammeln?

Je nach Region und Zeitpunkt findest du unter anderem Hagebutten, Schlehen, Weißdornbeeren, Hasel- und Walnüsse, Esskastanien, Brennnesselsamen sowie manche Räucher- und Wildkräuter. Sammle nur Pflanzen, die du sicher bestimmen kannst, nur an unbelasteten Orten und in Mengen, die den Bestand nicht schädigen.

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